Das Würmlein – die Literaturkritik

Entsinnen Sie sich noch an meinen Beitrag zum Sommerloch? Nun erreichte uns dazu eine Literaturkritik, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Zur Einstimmung noch einmal das epochale Machwerk, welches besprochen werden soll:

Das Würmlein
Ein Wurm zur Liebsten durch’s Grase kroch,
er konnt’ es kaum erwarten.
Just plumpste er ins Sommerloch.
Nun liegt er – tot – im Garten.

Hier nun die Literaturkritik:

Lieber Literaturfreund,

es hat mich überrascht, mit welcher Leichtigkeit und dennoch großer Melancholie dieses Verswerk niedergeschrieben wurde. Ihnen ist als Autor wohl die beeindruckendste literarische Postulierung seit dem Bestseller „Klaus Kinski kaut Kaugummiklumpen am Kaukasus“ gelungen. Ihr Name sollte ohne tieferes Inhalieren gemeinsam mit Thomas Mann, Friedrich
Schiller, Heinrich Heine und Klaus-Manfred Dubinski genannt werden.

Bereits der Anfang des Werkes strotzte nur so von gedankenschwangerer Lyrik, die dem Leser
ein wohliges Kitzeln der linskbündigen Hirnmuskulatur beschwert. „Ein Wurm“, heißt es da. Ja, „ein Wurm“. Es ist gerade diese Herabsetzung der Kausalität, die in unvergleichlicherweise uns zuzurufen scheint, „zwei Würmer wären zuviel“.

Und so überlegt sich der intellektuelle ARTE-affine Leser, wer ist eigentlich dieser „Wurm“. Ist es der Wurm in uns allen, der Bandwurm oder doch der Lindwurm Annerose? Dies lassen sie in geschickter Prosa unbeantwortet – ein Paukenschlag.

Ebenso stimulierend sind die erotischen Züge, die sie in den weiteren Worten zur Entfaltung bringen. Ich zitiere: „zur Liebsten durch’s Grase kroch, er konnt’ es kaum erwarten.“ Wann hat man schon einmal solch romantische Lyrik verbunden mit Oswalt Kolle’scher Symbiose in medigermanischen Volksdichtungen erleben können. Zuletzt waren solch formidable Equickungen lediglich in klassischen Zeilen wie „kaum sitzt sie drauf auf meinem Schoss, juckts mir gar sehr in der Lederhos'“, oder aber in Urmel von Uichtringens Werk aus dem Jahre 1234 „die Milla stand fast nackend da, gehüllt in seichte Gewänder, der Till er sah’s und bekam sofort einen steifen gen Himmel ragenden Ausdruck erhabener Fröhlichkeit.“

Mit der dritten Zeile widmeten sie sich in beeindruckender Art und Weise politischen Dingen zu, als sie den Wurm in ein Sommerloch plumpsen ließen. Das Plumpsen in Sommerlöchern ist eine nicht allzu leichte Angelegenheit, die bereits große Philosophen wie Thilo Sarrazin („der Muselmann, ist ein Mann, den ich nicht recht verknusen kann“) oder Eva Herrmann („Auf Autobahnen kann man auch mal rechts vorbeifahren“) besprochen haben.

Das ihr Gedicht kein glückliches, voller Schmalz triefendes Ende besitzt, sondern vielmehr in einer griechischen Tragödie endet, ist unerwartet und bietet doch eine stringende und konsequente Ausnutzung des Sokrates’schen Kodex: „Ich denke, also kann ich so dumm nicht sein“.

Alles in allem, lieber Literaturfreund, hat mich ihr Gedicht erfreut und ich hoffe dass sie weiterhin solch barocke Lebensfreude im Stil altdeutscher Meister wie Goethe, Lessing und Bohlen verfassen. So sollte ihnen der Literaturnobelpreis sicher sein. Und wenn nicht heute, dann vielleicht morgen oder besser gar nicht.

Guten Abend,
ihr Hajo Schröter-Naumann

Der Hajo Schröter-Naumann schreibt für die FAZ, für die TAZ, die HAZ, die MAZ und gelegentlich auch für die KATZ.


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